Der virtuelle Führerstand

Eines ist klar: Die Zeiten ändern sich. Auch im Bereich der Modellbahnsteuerungen gibt es seit kurzem die Möglichkeit, Lokomotiven so zu steuern wie beim Vorbild. Oder sagen wir besser: Dem Vorbild angenähert. Der klassische Fahrtregler könnte darum in Zukunft etwas ins Abseits geraten. Sowohl Märklin als auch Roco bieten dem Modellbahner die Möglichkeit, auf einem Bildschirm – eingebaut in der Digitalzentrale – eine Lok von einem nachgebildeten Führerstand zu bedienen.

Märklin bietet hier dem Besitzer einer CS 2 die Möglichkeit, sowohl eine Diesel-, Elektro- oder auch Dampflok zu steuern. Voraussetzung ist, dass man eine Lok mit einem sogenannten Mfx+ Decoder besitzt. Die Mfx-Loks melden sich selbstständig an der Zentrale an und schon kann es los gehen.

Bevor sich aber eine Dampflok in Bewegung setzt, muss die Lokmannschaft ihr Gefährt betriebsbereit machen. Eine nicht gerade schnell zu erledigende Aufgabe: Es gilt, den Kessel auf Betriebstemperatur und Druck zu bringen. Denn ohne ausreichenden Dampfdruck setzt sich die Maschine nicht einen Zentimeter in Bewegung. Ebenso müssen Betriebsstoffe gebunkert werden. Im Falle der Dampflok: Kohle und Wasser.

fuehrerstand

Hat man den den nötigen Betriebsdruck, kann es nun wirklich los gehen. Bremse lösen, Steuerung einstellen und den Regler langsam öffnen. Und siehe da: Unser Modell setzt sich tatsächlich in Bewegung. Wie beim Vorbild kann man den Regler zurücknehmen und die Lok fährt bzw. rollt weiter. Den Regler öffnen und die Geschwindigkeit nimmt wieder zu. Die Schwierigkeit besteht nun darin, die Lok mittels der Armaturen zu steuern. Das bedarf einer intensiven Übung, damit man das Dampfross auch sanft und punktgenau am Bahnsteig zum Halten bekommt. Ebenso sind der Dampfdruck und die Wasserzufuhr zu steuern und immer eine Auge auf das Manometer zu werfen, denn auch zu viel Druck ist letztlich nicht gewünscht. Ebenso ist das feinfühlige Rangieren nicht nach fünf bis zehn Minuten gelernt. Hat man es einmal raus, macht es natürlich auch eine gewisse Freude, so die Lokomotive zu steuern oder zumindest dem vielleicht unbedarften Zuschauer vorzuführen, zumal die so erhältlichen Loks alle mit dem zugehörigen Sound ausgerüstet sind und sich Lokpfeife und andere Sounds vom virtuellen Führerstand steuern lassen. Erwähnt sei noch, dass es gerade für den Betrieb der Dampflok sinnvoll erscheint sich über die verschiedenen Schwierigkeitsstufen an den Betrieb zu gewöhnen.

Neben den Dampfern gibt es natürlich auch Elektrolok und Dieselloks mit dieser mfx+ Ausstattung. Letztere zu steuern ist relativ einfach, reichen doch als Betriebsstoffe Sand und Dieselkraftstoff bzw. der Strom aus der Fahrleitung aus. Sind die Betriebsstoffe wie Kohle Wasser und Sand nahezu aufgebraucht, so muss die Lok ins BW, andernfalls fährt sie nur mit Minimalgeschwindigkeit. Man muss also nicht unbedingt befürchten, dass die Lok nicht mehr aus dem Schattenbahnhof an die Oberfläche zurückfahren kann.

Ich habe diese Art von Lok einmal auf der heimischen Anlage und in einem Modellbahnfachgeschäft ausprobiert und demonstriert. Das Erstaunen der Zuschauer war nicht zu übersehen. Was noch fehlte, war der Blick aus dem Führerhaus-Fenster nach vorn auf die eigene Strecke. Aber auch das ist keine Utopie mehr. Die Firma Roco hat dieses Feature schon in der Pipeline und wird vermutlich zum Jahresende 2014 damit aufwarten. Kamerawagen sind bekanntlich schon angeboten worden, ebenso gab es auch bei der Spur 1 schon Loks mit eingebauter Videotechnik.

Mein Fazit: Eine nette Sache für die ein oder andere Lok. Es bringt Abwechslung im Betrieb und falls eine Kamera zusätzlich mitfährt, kann man seine heile Modellbahnwelt einmal aus einer ganz neuen Perspektive betrachten. Was mir persönlich nicht zusagt, ist die Bedienung über einen Touchscreen. Ich würde da eher bei modernen Loks ein Führerstandsfahrpult vorziehen wie es einst Uhlenbrock anbot, eben mit echtem Schaltrad und echten Schaltern und Hebeln für Fahren und Bremsen. Aber das ist sicherlich Geschmacksache.

Über den Autor

Martin Meese

Martin Meese ist Jahrgang 1956 und ist seit frühester Jugend von Modellbahn und ihrem großen Vorbild begeistert. Heute ist er vor allem mit Märklin verbunden. Gern berät er in allen Digitalfragen und hilft bei Umbauten. Er gehört einem Stammtisch von 30 bis 35 Enthusiasten an, die sich regelmäßig über die Märklin-Bahnen austauschen. Für uns bloggt er seine persönliche Sicht auf neue Produkte und aktuelle Trends im Bereich der Modelleisenbahn.